Das war mal wieder eine kurze Nacht. Da ich unbedingt meine Geschichte von meinem gestrigen Tag zu Ende schreiben wollte, war es mal wieder weit nach Mitternacht, bis ich ins Bett kam. Mein Wecker machte um 5:30h mächtigen Krach, so dass ich ihn nicht überhören konnte. Ich kam trotz des kurzen Schlafes von ca. 3 Stunden erstaunlich gut aus dem Bett. Das lag wohl daran, dass ich auf keinen Fall zu spät zur Kirche kommen wollte. Eigentlich wollte Gladness ab 6:30h in der Lounge sein um für mich ein tuk-tuk anzuhalten und den Weg zur Lutheran Church of Moshi zu beschreiben. Da ich Gladness nirgends finden konnte, hatte ich beschlossen, nicht länger zu warten und dachte, es könne wohl nicht so schwer sein, zur Kirche zu kommen; jeder Einheimische würde doch sicher die Lutheran Church of Moshi kennen! Also hielt ich vor meinem Hotel ein tuk-tuk an und sagte, ich wolle zur Lutheran Church of Moshi. Hm, der tuk-tuk-Fahrer überlegte und ich merkte schon, dass er nicht so wirklich wusste, wo die Kirche ist. Er meinte allerdings nach einer kurzen Weile, dass er nun doch wisse, wie er mich zur Kirche bringt. Er fuhr eine mir bekannte Straße entlang, bog im folgenden Kreisverkehr links ab, folgte der Straße, die auch in Richtung Longuo-Center führt und stoppte an einer Kirche. Ich stieg aus und stellte direkt fest, dass dies die Catholic Church war. Ich sagte ihm, dass er doch vielleicht jemanden fragen könnte, wo die Lutheran Church ist. Das tat er sogleich. Eine ältere Dame erklärte ihm den Weg und so fuhr er fast den ganzen Weg wieder zurück um dann irgendwann rechts abzubiegen und an einer Kirche zu halten. Irgendwie kam mir diese Kirche auch nicht so ganz richtig vor, so dass ich einen Mann ansprach, der mir versicherte, dass dies die Lutheran Church sei. Nachdem mir dies auch eine Frau bestätigte, fragte ich zusätzlich – um auch wirklich sicher zu sein – ob John Mosh der Pastor der Kirche sei. Ich glaube, man hat mich nicht richtig verstanden, die Antwort war auf jeden Fall „ja“, die sich später aber als falsch herausstellte. Ich ging also mit einem einigermaßen guten Gefühl in die Kirche, wo eine unglaublich tolle Stimmung war. Bis zur 7-Uhr-Messe verblieben noch 15 Minuten und diese wurden von den Gläubigen zum Singen und Tanzen genutzt – typisch Afrika! Wenn man draußen steht, lädt die Musik geradezu ein, hineinzugehen und mitzumachen! Ich wäre am liebsten in der Kirche geblieben, aber irgendwie ließ mich das Gefühl nicht los, dass ich hier falsch war. Also verließ ich die Kirche und fragte ein paar Männer, die sich vor der Kirche versammelt hatten, ob sie wüssten, ob John Mosh der Pastor dieser Kirche sei. Sie verneinten und rieten mir, zum Pfarrbüro direkt neben der Kirche zu gehen, was ich auch sofort tat, denn schließlich lief mir die Zeit schon davon. Im Pfarrbüro schrieb man mir auf einen Zettel „Longuo-Parish“ und meinte, die Kirche sei beim KCMC-Krankenhaus und ich solle dem tuk-tuk-Fahrer den Zettel zeigen. Ich sprach also wieder einen tuk-tuk-Fahrer an, der eindeutig nichts mit dem Ort anfangen konnte. Nachdem er sich Hilfe holte, sagte er mir, er könne mich dorthin fahren. Als ich nach dem Preis fragte, versuchte er einen zu hohen Preis zu bekommen und ließ auch nicht mit sich verhandeln. Da ich die Preise inzwischen kenne, sagte ich ihm, ich würde zu Fuß gehen und ging auch schon los, was dazu führte, dass mir ein Motorradfahrer folgte (diese übernehmen hier die selben Taxidienste wie die tuk-tuk-Fahrer). Er bot mir an, mich zum Normalpreis zu der Lutheran Church of Moshi zu bringen. Da ich nun schon richtig spät dran war und ich tatsächlich gar nicht wusste, wie ich sonst zur Kirche kommen sollte, schwang ich mich hinter den Tansanier auf sein Motorrad und dann ging es auch schon los. Helm? Wird für den Mitfahrer nicht angeboten – gibt es also nur für den Fahrer. Und jetzt sag‘ mir doch mal jemand, wie man sich als Mitfahrer eines Tansaniers festhält; man kann ja wohl unmöglich die Arme um seine Hüften schlingen!Also was ist zu tun? Wenn ich schon ohne Helm und in normalen Klamotten fahre, muss ich mich doch wenigstens festhalten können, damit ich unterwegs nicht verloren gehe! Okay: „Er kann wohl nichts dagegen haben, wenn ich mich ganz leicht an seinen Oberarmen oder Schultern festhalte“, dachte ich und so war es auch, zumindest hat er sich nichts anmerken lassen. So fuhren wir eine Weile eine Straße, entlang die mir auch schon bekannt war. Dann stoppte er an einer kleinen Kirche und fragte, ob dies die Kirche sei zu der ich wollte. Hä? Ich dachte, er weiß, wie er fahren muss! Oh, das war wohl nicht der Fall! Da er aber wusste, dass es mit dem KCMC-Krankenhaus in irgendeiner Weise zu tun hatte, fuhr er weiter in Richtung KCMC. Dort angekommen, wollte er auf das Krankenhausgelände fahren, das man allerdings nur mit einer bestimmten Erlaubnis befahren darf (das wusste ich, da ich am Freitag Nahmittag zusammen mit Invocavit auf dem Krankenhausgelände war). Es stellte sich aber heraus, dass die Lutheran Church of Moshi quasi gegenüber des Krankenhausgeländes war. Gott sei Dank, wir hatten das Ziel erreicht! Ich war so glücklich, dass ich überhaupt angekommen war, so dass ich meinem Fahrer mehr gab, als er für die Fahrt verlangt hatte – schließlich ist Sonntag!
Die Messe hatte schon angefangen, also setzte ich mich in den hinteren Teil der Kirche um nicht zu stören. Der Pastor stand mit dem Rücken zur Gemeinde und betete. Irgendwie kam mir seine Statur fremd vor, er wirkte größer als sonst. Also war ich wieder verunsichert, ob ich in der richtigen Kirche war. Ich ging wieder in Richtung Ausgang und sah dort Invocavit, er stand direkt am Eingang der Kirche. Jetzt wusste ich, es musste die richtige Kirche sein, denn er würde in keine andere gehen. War ich froh! Ich begrüßte ihn leise und ging zu meinem Platz zurück. Nach wenigen Minuten kam er und setzte sich neben mich. Das hatte einen enormen Vorteil für mich, denn zwischendurch erklärte er mir ein paar Dinge, die ich sonst nicht verstanden hätte.
Und es kam wie es kommen musste: der Vorprediger forderte die jenigen, die aus anderen Regionen angereist waren, auf, aufzustehen und etwas zu ihrer Person zu sagen. Hatte ich doch am Abend vorher mit Pastor Mosh noch vereinbart, dass er an meiner Stelle etwas zu meiner Person sagen würde. Na gut, ich kneife ja nicht, wäre ja auch zu blöd! Es standen also mit mir zusammen 6 Leute auf, 4 Männer und 2 Frauen; davon 3 Schwarze und 3 Weiße. Jeder sagte nach der Reihe etwas zu seiner Person – woher er/sie kommt und den Grund seines/ihres Aufenthaltes in Tansania. Jeder bekam riesigen Beifall, die Stimmung war klasse!
Die Messe erinnerte mich ein bisschen an den Film „Sister Act“ mit Woopie Goldberg. Es wurde zwischendurch immer wieder gesungen, getanzt und auf typisch afrikanische Art gejauchzt – eine tolle Stimmung!
Was mir noch nicht bekannt war, war die Art der Kollekte. In der Nähe des Altars standen 5 große Körbe. An den Körben waren unterschiedliche Zettel angebracht, auf denen stand, wofür die Kollekte gedacht war. Man konnte also entscheiden, ob man sein Geld z.B. zur Unterstützung armer Leute, für die Kirche allgemein oder andere Dinge gibt. Zusätzlich sammelte jemand aus der Gemeinde Geld für die Anschaffung weiterer Kirchenbänke. Ich saß z.B. auf einem einfachen Plastikstuhl, da die Kirche nur maximal zur Hälfte mit Kirchenbänken ausgestattet ist. Und jetzt wurde es für mich wirklich interessant, denn so etwas hatte ich noch nicht erlebt: da einige Leute aufgrund ihrer Situation kein Geld spenden können, haben sie z.B. eine CD oder eine kleine Taschenlampe abgegeben. Die Dinge wurden gesammelt und anschließend in der Kirche meistbietend versteigert, so dass man dann für weitere Kirchenbänke eben doch wieder Geld gesammelt hatte.
Außerdem kannte ich folgendes noch nicht, was mir von Invocavit erklärt wurde:
der Pastor sagte irgendetwas, was ich natürlich nicht verstanden hatte, und es standen sogleich einige Leute aus unterschiedlichen Bänken auf und gingen nach vorne zum Pastor. Sie gaben Geld in einen Korb und gingen dann wieder zu ihren Plätzen zurück. Invocavit erklärte mir, dass das Geld die Kirchensteuer sei. Eigentlich gibt es – soweit ich gelesen hatte – in Tansania keine Kirchensteuer, aber scheinbar ist es üblich, soweit es einem finanziell möglich ist, in der Kirche 10% seines Gehaltes als Kirchensteuer abzugeben. Ob der Pastor von diesem Geld bezahlt wird, weiß ich nicht. Da mich das interessiert, werde ich nochmal versuchen etwas bzgl. des Kirchensteuersystems in Erfahrung zu bringen.
Nach der Messe versammelten sich alle vor der Kirche. Hier wurden Tomaten und anderes Gemüse versteigert, die von Leuten der Gemeinde gespendet wurden. Von dem Erlös werden vermutlich ärmere Gemeindemitglieder unterstützt.
Die Kirche war nach 2 1/2 Stunden beendet, so dass ich Eile hatte, zum Hotel zurückzukommen, denn schließlich erwartete ich dort um 10:00h Mr. Kagera.
Ich war überaus dankbar, dass Invocavit mich zum Hotel zurückbringen konnte – er war mit seinem tuk-tuk zur Kirche gekommen. Das Hotel erreichten wir 5 Minuten vor 10:00h. Mr. Kagera war auch direkt zur Stelle, so dass wir uns bei mir im Hotel an einen Tisch setzten, um das Projekt „Räume für Kinder mit Autismus“ und meine Ideen hierzu zu besprechen und uns anschließend auf den Weg zum Shirimatunda-Center machten; schließlich war dies ja der Grund unseres heutigen Treffens. Angenehm war, dass Invocavit unser tuk-tuk-Fahrer war; gleichzeitg ist er mein Übersetzer und Erklärer. Es stellte sich auf dem Weg nach Shirimatunda als schwierig dar, den Schlüssel für das Center zu bekommen; kurz vor Erreichen des Centers stellte es sich als unmöglich heraus, den Schlüssel heute bekommen zu können – Schade! Also schlug Mr. Kagera vor, den Handwerker zu besuchen, der die Schultische und -Stühle für das Shirimatunda-Center hergestellt hatte, damit ich mir ein Bild von ihm und seiner Arbeit machen konnte. Die Tische und Stühle hatte ich bei meinem ersten Besuch des Centers bereits gesehen und einen guten Eindruck davon gehabt. Der Handwerker wirkt solide. Die Werkstätten darf man nicht mit deutschen Verhältnissen vergleichen; hier ist alles wesentlich einfacher, was nicht bedeutet, dass die Arbeiten schlechter wären. Wir haben verabredet, dass er am Dienstag früh in der Schule erscheinen wird, ebenso wie der Handwerker, der die Räume restaurieren soll. Sister Anna und Matthew sollen sich ebenfalls einen Eindruck verschaffen und die Angebote überprüfen können. Wenn ich das Projekt schon zu meinem eigenen mache, dann muss ich wenigstens die Hilfe einiger sachkundiger und vertrauenswürdiger Einheimischer in Anspruch nehmen, zu denen für mich Sister Anna, Matthew, Mr. Kagera und Invocavit gehören.
Morgen werden Mr. Kagera, Invocavit und ich ein Geschäft aufsuchen, in dem ich mir diverse Einrichtungsgegenstände für Snooze-Räume ansehen kann (vermutlich Spezialmatten, Therapiematerial u.ä.). Schließlich möchte ich mir vor meiner Abreise am kommenden Donnerstag Abend noch einen Überblick über eine mögliche Ausstattung und die diesbezüglich anfallenden Kosten verschaffen.
Von unserer heutigen Tour waren wir gegen 13:00h zurückgekehrt, so dass ich ab da tatsächlich Zeit für mich hatte. Ich bin zum Coffee Union gegangen um dort ein Stück tansanischen Kuchen zu essen (sehr lecker!) und eine Tasse Cappuccino zu trinken. Dort habe ich mir noch einige Notizen betreffend des Longuo-Projektes gemacht , damit ich für die Besprechung am Dienstag früh entsprechend vorbereitet bin und eventuell verbleibende Fragen gezielt stellen und Ideen vortragen kann.
Gladness hatte ich heute Nachmittag von meinem Transporterlebnis zur Kirche erzählt, sie hat sich vor Lachen kaum eingekriegt – ich mich im übrigen auch nicht.![1200px-SNice.svg[1]](https://aktiontansania.home.blog/wp-content/uploads/2019/10/1200px-snice.svg1_.png?w=68&h=68)
An den kommenden Donnerstag und somit meine Rückreise nach Deutschland darf ich noch gar nicht denken. Zum einen habe ich noch so viel bis dahin zu tun und hoffe, dass ich mit allem fertig werde. Zum anderen kommen mir jetzt schon die Tränen, wenn ich an die Verabschiedung von den vielen Leuten denke, die ich hier nun schon kenne und die mir – jeder auf seine Weise und aus den unterschiedlichsten Gründen – ans Herz gewachsen sind; und ganz zu schweigen von „meinen Kindern“! Sie hier zurückzulassen fällt mir besonders schwer. Also sollte ich nicht darüber nachdenken und noch jeden Tag genießen, den ich mit den für mich so wunderbaren Menschen verbringen kann.
Hakuna Matata

























